Freitag, 18. März 2005

Die vergessenen Kinder der SIEV-X

Am 18. Oktober 2001 sticht im kleinen indonesischen Hafen Bandar Lampung ein namenloses Fischerboot in See. Ein alltäglicher Vorgang, doch dieses zwanzig Meter lange und vier Meter breite Boot soll später unter dem Namen SIEV-X (Suspected Illegal Entry Vessel X) traurige Berühmtheit erlangen. Es bietet Platz für maximal fünfzig Passagiere. An diesem Tag drängen sich jedoch über vierhunderteinundzwanzig Asylsuchende aus dem Irak, Afghanistan und dem Iran auf der SIEV-X. Alle haben sie ein Ziel: Australien, das Paradies, dort wollen sie ein neues Leben beginnen.

Um drei Uhr morgens, einundfünfzig nautische Meilen vor der Küste West Javas, sinkt das Boot innerhalb von zwei Minuten. Fünfundsechzig Männer, einhundertzweiundvierzig Frauen und einhundertsechsundvierzig Kinder ertrinken. Nur vierundvierzig Überlebende werden nach zwanzig Stunden von indonesischen Fischern geborgen und in Internierungslager für illegale Einwanderer gebracht. (Nebenstehendes Bild zeigt keine SIEV-X Überlebenden. Es stammt von der sogenannten »Children Overboard« saga.)

Die SIEV-X ist kein Einzelfall. Auf dieses Problem wurden die Medien jedoch erst aufmerksam, als der Kapitän desnorwegischen Containerfrachters »Tampa« schiffbrüchige Flüchtlinge aus dem Meer fischte und weder Australien noch Indonesien sich für diese Menschen zuständig fühlten. Der medienwirksame Skandal war schnell wieder vergessen und die betroffenen Menschen wurden zu nackten Zahlen einer kalten Statistik. Die Überlebenden der SIEV-X kamen in Internierungslager für illegale Einwanderer.

Das australische System der Zwangsinternierung für »illegalisierte« Immigranten wurde Anfang der neunziger Jahre von der sozialdemokratischen Labour-Party eingeführt. Damals gab es mehr Freiheiten für die Asylsuchenden. Die konservative Howard-Regierung verschärfte die Bedingungen in den Lagern drastisch, vorwiegend um ein Exempel zu statuieren und Asylsuchende abzuschrecken, die gefährliche Reise nach Australien überhaupt in Erwägung zu ziehen. Fast alle Lager liegen weit abseits von größeren Städten im wüstenähnlichen Outback. Kontakt zur Außenwelt ist schwierig. Wenn Medien Zugang zu den Lagern erhalten, was nur selten vorkommt, dann nur unter schärfster Aufsicht. So wenig Informationen wie möglich sollen an die Öffentlichkeit gelangen.

In den Lagern herrschen unvorstellbare Zustände. Die Internierten, ohnehin schon vom Schicksal schwer geschlagen, werden dort bis zu fünf Jahren festgehalten um dann zu erfahren, dass ihr Antrag auf Asyl abgewiesen wurde und sie das Land verlassen müssen. Hungerstreiks, Selbstmorde und Aufstände, die von den Behörden rigoros und vor allem mit unnötiger Brutalität niedergeschlagen werden, sind an der Tagesordnung.

Die Situation in den Internierungslagern hat vor allem den Ruf nach der Freilassung von Kindern lauter werden lassen. Ende 2003 waren fünfhundertzweiundachtzig Kinder in australischen Internierungslagern, darunter dreiundfünfzig ohne jeglichen Schutz von Eltern oder Bekannten. Die unabhängige »Australian Human Rights Commission« untersuchte im Auftrag der Regierung die Zustände in den Lagern und stellte neben Menschenrechtsverletzungen auch eindeutige Verstöße gegen die 1990 von Australien unterzeichnete UN-Konvention zum Schutz des Kindes fest. Der Bericht wurde zwar im australischen Parlament zur Kenntnis genommen, jedoch als nicht relevant abgetan. Originalzitat:

The government rejects the major findings and recommendations contained in this report. The government also rejects the Commission's view that Australia's system of immigration detention is inconsistent with our obligations under the United Nations Convention on the Rights of the Child.
So einfach geht das.

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